Alexandra Lang - die Süßigkeitenfee.


 

Alexandra hat im vergangem Jahr ihre Lehre bei uns been-
det. Seither startet sie bei den besten Häusern eine Bilder-
buchkarriere.
 
 
aus der Presse...

Die Süßigkeitenfee mag weder Marzipan noch Schoko-
lade


Die 20-jährige Patissèrie Alexandra Lang tingelt von einer Gourmetküche zur anderen und sammelt die besten Rezepte.

"Arbeitstage" heißt die Serie, mit der die Stuttgarter Zeitung Einblicke in verschiedene Berufe geben will. Heute: Wie in der Küche des Sternerestaurants Wielandshöhe süße Sünden ent-
stehen.

Die Unterlippe von Alexandra Lang ersetzt jedes Thermome-
ter. Mit dem Löffel tupft Sie ei-
nen Klecks flüssige Zartbitter-
kuvertüre auf die Lippe, zieht die Mundwinkel prüfend zu-
rück und verkündet "34Grad, zu heiß". Sie rührt weiter im Schokotopf, die Eierlikörbom-
ben müssen noch auf ihre Umhüllung warten. Wenn die Temperatur nicht aufs Grad genau stimmt, werden die Pralinen leicht grau. Im Gourmetrestraurant, wo Perfektion mehr als ein Versprechen ist, wäre das ein Fall für den Biomüll-
eimer.

Als ob sie fünf Arme hätte, erledigt die Pralinenmacherin allerlei gleichzeitig, rennt vom Kühlschrank zum Backofen, gibt dem Azubi Anweisungen und schwingt zwischendurch den Rührlöffel in der Kuvertüre. Sich in dieser Küche aus dem Weg zu gehen, ist unmöglich - die Kombüse eines Schiffes ist geräumig im Ver-
gleich zu den Verhältnissen in der Wielandhöhe. Mal kollidiert Alexandra Lang mit dem Entremetier, dem Beilagenkoch, mal beinahe mit der Eismaschine. Dabei ist die Süßigkeitenfee so dünn wie ein Spargel und auf ihren feuerroten Turnschuhen ziemlich flink.

Was Patissière mit ihren gerade mal 20 Jahren hinter sich hat, nennt man eine Bilderbuchkarriere. Obwohl ihr alle davon ab-
geraten hatten, brach sie nach der neunten Klasse die Schule
ab und machte, wozu sie am meisten Lust hatte: eine Ausbil-
dung als Konditorin in Friedrichshafen. Von Sahne, Zucker und Eiern kann sie nicht lassen, seither tingelt sie von einer Vorzei-
geadresse zur nächsten: bei Lothar Eiermann, einem der Gro-
ßen unter den deutschen Topköchen, erweiterte sie im Schloss-
hotel Friedrichsruhe ihre Nachtischrepertoire und zog für eine Wintersaison weiter ins Schweizerische Sterneparadies. Mit der gesamten Küchencrew vom Restaurant Jöhri's Talvo ging es zwischen Mittagstisch und Abendmenüs hinauf auf die Piste von Sankt Moritz. Dann wurden Schürze und Schneebesen einge-
tauscht gegen Pullover und Skier.

Ein Rettungsring für Pralinen


Die Kuvertüre ist längst auf die gewünschte 31 Grad ab-
gekühlt, das Tauchbad für die Eierlikörpralinen bereit. Ein-
zeln lässt die Patissière die Kugeln in die Schokolade glei-
ten und fischt sie mit einer Art Rettungsring aus Metall wieder heraus. Kurz abtropfen lassen, dann kommt das Konfekt auf ein Blech und später in den Kühlschrank, wo schon die anderen Petits fours warten: Florentiner, Mandelsplitter, gefüllte Datteln, Kokosnusspralinen. Die werden als Abschluss des Essens auf silbernen Ständern zur Tasse Kaffe gereicht. Wer hier Kalorien zählt verdirbt sich den Genuss.

Fast täglich hat Alexandra Lang Schokolade in den Händen. Nur essen mag sie die Leckerei nicht - ihr fehlt der süße Zahn. Mar-
zipan findet sie ganz schrecklich. Zart schmelzende Osterhasen verschenkt sie entweder sofort weiter oder lässt sie so lange liegen bis das Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Hächstens mal ein paar Gummibärchen kaut sie zur Abwechslung.

Das mit dem Frühstücken ist auch so eine Sache: Es ist 11 Uhr morgens, seit zweieinhalb Stunden wuselt Alexandra Lang schon in der Küche umher - und das mit leerem Magen. Kein Kaffee. Kein Brötchen. Nur eine Kiwischeibe und ein paar Stückchen An-
anas hat sie zwischendurch genascht. "Ich habe morgens eben keinen großen Hunger", sagt die Frau mit der Schürze und dem Kopftuch, unter dem zwei blonde Zöpfe hervorschauen. Mit ruhi-
ger Hand spritzt sie Vanillecreme in Mürbeteigtortelettes und setzt vorsichtig firsche Früchte darauf. Bepinselt wird das Ganze mit Aprikotur - einer aus Aprikosenmarmelade, Wasser und Zucker hergestellten Glasur. Die Himbeere, die Kiwi und die Heidelbeere glänzen wie aus dem Werbeprospekt. Ihr Mittag-
essen wird die Patissière eine halbe Stunde später im Stehen verdrücken - ein bisschen Reis, ein Hühnchenschlegel, neben-
bei, zwischen dem Saubermachen und dem Plaudern.

 

 

 


Mit muße und Hingabe hat das süße Geschäft der Patissière an diesem Tag wenig zu tun. Es ist stickig in der mit neuen Köchen überfüllten Küche, die weit geöffneten Fenster ändern nur wenig daran und erlauben lediglich den in der Zahnradbahn vorbeirat-
ternden Fahrgästen einen kurzen Blick ins Haut-Cuisine-Heilig-
tum. Es ist heiß, manschmal fast unerträglich. Wenn die blauen Flammen der Gasherde flackern, wenn der Salamander, ein Gratinierofen mit starker Oberhitze, brütet, wenn der Backofen stundenlang auf 200 Grad heizt. An solchen Tagen passiert es, dass mal jemand umkippt, da macht der Kreislauf nicht mehr mit und der Stress steigt zu Kopf.

Es ist laut, weil die Töpfe klappern und der Saucier das Fleisch hackt und der Spüler die Gerätschaften einsammelt. Dann brummt die Eismaschine und einer fängt an zu schimpfen, denn die Biosahne ist aus. Und unten im Vorratskeller mit den riesi-
gen Kühlräumen ist keine mehr zu finden. Da ist wohl etwas schief gelaufen.

Zwölf, dreizehn Stunden täglich


"Man gewöhnt sich daran" - das ist alles was Alexandra Lang dazu zu sagen hat. Sie scherzt ein bisschen mit der Küchenbrigade. Die Spezialis-
tin fürs Süße tauscht Kokos-
nusspralinen zum Naschen gegen Kartoffelgratin, der keine zwei Meter weiter zube-
reitet wird. Die Enge stört sie nicht, eines Tages will sie so-
gar auf einem Kreuzfahrtschiff Desserts für Luxusurlauber kreieren. Das sei Maloche pur, weiß die Kennerin der Gastrono-
mieszene. Viel schlimmer als die zwölf, dreizehn Stunden, die sie schon jetzt fünf Tage die Woche in der Küche steht und erst nach Mitternacht heimkommt. Ein Glück, dass ihr Freund auch Koch ist - er arbeitet in einem Hotel in Stuttgart. Die beiden sehen sich nachts oder an den freien Tagen.

Auch daran hat sie sich gewöhnt und klagt kein einziges Mal über ihre Arbeit oder die Arbeitszeiten. Im Gegenteil: die Toch-
ter eines Sternekochs, der in Meersburg auch noch Hotelier ist, hat früh kennen gelernt was Rackern im familiär betriebenen Gastronomiebetrieb bedeutet und sich trotzdem für die Schürze und den schnellen Wechsel von einem Restaurant zum anderen entschieden.

Wie ein Handwerksbursche auf der Walz, bleibt die Patssière nirgends lange. An jeder Sta-
tion lernt sie dazu, ergänzt ihre Reszeptesammlung, die bisher in drei Leitz-Ordner passt. Sie nimmt niedrige Gehälter in Kauf, um von den großen Namen und deren Renommee zu profitieren und den Köchen über die Schulter zu schauen. Und ihre nächste Küche hat sie auch schon im Auge - in der Traube Tonbach in Baiersbronn glitzern gleich drei Michelin-Sterne.

Wenn gegen 14 Uhr gleich vier Dessertbestellungen aufgegeben werden, wirbelt Alexandra Lang noch ein bisschen schneller um die eigene Achse. Weiße Pfirsichhälften auf die Teller legen, Nocken aus dem Kaffee-Schokolade-Mousse stechen. Die Ener-
gie geht ihr nicht aus, auch die drei Stunden Pause vor der Abendschicht sind bis auf die letzte Minute gefüllt: Ihre Stute Cool Maid wartet im Stall in Plieningen darauf, dass sie ausge-
ritten wird, wie jeden Tag.

Dann zieht die Küchenkünstlerin einen Minikuchen aus dem Ofen und holt ihn aus der handtellergroßen Form - ein Geschenk für eine Freundin im Reitstall. Den hat sie auch noch gebacken - so ganz nebenbei.

Von Könnern lernen


Die eine Ausbildung zum Patissier gibt es nicht, denn mehrere Wege führen zum zuckrigen Ziel. Eine abgeschlossene Lehre als Bäcker, Koch oder Konditor ist auf jeden Fall Voraussetzung. Dann folgt eine Spezialisierung über Lehrgänge, einzelne Kurse oder einfach Jahre des "learning by doing". Die Patissière Alexandra Lang hat den großen Köchen zugeschaut, hat von ihnen Rezepte und Tipps erhalten, die sie weiterträgt von einer Gourmetküche zu nächsten. Um die Finessen zu lernen, belegen die meisten weitere Lehrgänge: im Modellieren von Marzipan, im Eisschnitzen, in der Verarbeitung mit Schokolade oder Butter. Auch Zucker bietet ungeahnte Möglichkeiten: Es werden daraus filigrane Blüten gezogen oder Kugeln zur Dekoration geblasen.

Wer mit der Arbeit in teuren Restaurants automatisch hohe Löhne verbindet, der irrt. Um die 2000 Euro brutto verdient ein Patissier in den ersten Jahren nach seiner Ausbildung, die wahren Könner in der Küchenbrigade bekommen als Chef de Partie natürlich westenlich mehr. Doch das ist Verhandlungs-
sache.

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